Affektisolierung

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Affektisolierung

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Als Affektisolierung bzw. Isolierung vom Affekt wird ein Abwehrmechanismus bezeichnet. Der Vorgang besagt, dass ein Erlebnis oder ein Verhalten zwar nicht vergessen wird, aber durch Verdrängung seinen Gefühlsgehalt bzw. seine assoziative Verbindungen mit anderen Gedanken oder mit der übrigen Existenz des Individuums verliert. So kann in ähnlicher Weise auch der Affektgehalt einer Vorstellung usw. eingebüßt werden, welcher der Verdrängung anheimfällt.[1] [2]

Beispiele

Ein Patient kennt zwar detailliert seine schwere Krankheit, weil er sie z. B. durch Lektüre von Fachbüchern studiert und mit dem Arzt ausführlich erörtert hat. Dennoch redet er darüber ohne jede Äußerung von Affekten.

Auch ein scheinbar bewusstes Verhalten, das Selbstbeherrschung vermitteln soll, ist bisweilen Ausdruck von Affektisolierung. Der Patient meint in diesem Falle „Ich weiß, wie schwer ich verletzt bin, und weiß, wie es passierte, aber es macht mir nichts aus!“

In gleicher Weise kann jemand über eine schlimme Begebenheit oder eine ähnliche Vorstellung, die einen Dritten betrifft, sprechen, so als gehe sie ihn nichts an.

Krankheitsmodell

Affektisolierung ist ein Mechanismus, der zur Entwicklung von Bereitstellungskrankheiten führen kann. Durch Affektisolierung kann die Bereitschaft zur Handlungsmotivation schwinden. Die Auswirkungen eines abgespaltenen Affekts können das Auftreten eines funktionellen Syndroms bzw. vegetativer Dysfunktionen begünstigen. Sie werden als Affektäquivalent bezeichnet.[3]

Einzelnachweise

  1. Uexküll, Thure von (Hrsg. u.a.): Psychosomatische Medizin. Urban & Schwarzenberg, München 31986, ISBN 3-541-08843-5, Seite 1137
  2. Mentzos, StavrosNeurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuerer Perspektiven. © 1982 Kindler, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt 1992, ISBN 3-596-42239-6; Seite 64
  3. Uexküll, Thure vonGrundfragen der psychosomatischen Medizin. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1963, Kap. „Der Bereich der Affekte und Stimmungen und der Bereich der Motive und Handlungen“ Seite 177 ff.

Verleugnung (Psychoanalyse)

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Verleugnung (Psychoanalyse)

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Als Verleugnung wird in der Psychoanalyse ein Abwehrmechanismus bezeichnet, der die Spaltung oder auch Spaltungsabwehr, also die Reaktivierung eines frühkindlichen psychischen Zustands, unterstützt. Das Zusammenspiel dieser beiden primitiven Abwehrmechanismen bewirkt, dass negative Aspekte des Selbst oder derUmwelt nicht mit den entsprechenden positiven Aspekten integriert werden. Neben der Verleugnung zählen zu dieser Gruppe von zumeist unbewusst wirkenden Bewältigungs- und Kompensationsmechanismen auch die Entwertung und die Idealisierung, die projektive Identifikation, die Introjektion und die unreife Projektion.

Mittels Verleugnung lässt sich die Wahrnehmung realer Sinneseindrücke und deren Bedeutung für das Individuum ignorieren. Bedrohliche Stücke äußerer Wirklichkeit können auf diese Weise als nicht existent anerkannt (oder durch wunscherfüllende Phantasien ersetzt) werden. Bei der Verleugnung handelt sich also um das innerpsychische Pendant zum Abwenden des Blickes von einer Gefahrenquelle. Dieser Mechanismus ermöglicht es dem Individuum, bewusste oder vorbewusste bedrohliche Inhalte notfallmäßig dem Bewusstsein zu entziehen. Die Abwehr der Verleugnung ist also eine spontan einsetzbare Schutzreaktion, mit der die Person einer unangenehmen Wahrheit die Aufmerksamkeit, ja sogar den Realitätsstatus, entziehen kann. Den Prozess einer dauerhaften Verbringung aversiver psychischer Inhalte ins Unbewusste kann die Verleugnung jedoch nicht leisten. Hierzu steht dem Ich der Abwehrmechanismus der Verdrängung zur Verfügung, derunlustbesetzte Vorstellungen nachhaltig ins Unbewusste verlagern kann.

Ein weiterer Unterschied zwischen diesen beiden Abwehrmechanismen besteht darin, dass sich die Verdrängung als ein Bewältigungsprozess gegen spezifische Inhalte richtet (zum Beispiel nicht zulässige aggressive oder libidinöse Triebregungen), während die Verleugnung als eine spontane Schutzreaktion breitere Realitätsausschnitte ausblendet. Dadurch stört die Verleugnung mehr als die Verdrängung logische Denkprozesseemotionales EmpfindenEmpathie und die Realitätsprüfung. Infolgedessen kann zudem die Lernfähigkeit eines Individuums in Bereichen eingeschränkt sein, die immer wieder der Verleugnung unterliegen, weil an diese ausgeblendeten Inhalte keine Erinnerungen aufgebaut werden können.

Noch hermetischer als durch Verleugnung und Verdrängung lassen sich unlustbesetzte Anforderungen durch Vermeidung vom Bewusstsein fernhalten. Diese drei Abwehrmechanismen bilden also ein Kontinuum in Bezug auf ihre Effektivität, wobei die Verleugnung als die instabilste und am wenigsten spezifische Form der Unbewussthaltung aversiver Inhalte gewertet werden kann.

Genese

Wie die anderen primitiven Abwehrmechanismen gehört auch die Verleugnung originär zum Repertoire der frühkindlichen Abwehr. Das kindliche Ich hat auch bei bereits intakter Realitätsprüfung in Belastungssituationen die Möglichkeit, unlustvolle oder bedrohliche Aspekte äußerer Realität so zu behandeln, als existierten diese nicht. Auf diese Weise kann sich die noch instabile Psyche des Kindes vor allzu traumatischen Eindrücken zumindest vorübergehend schützen. Voraussetzung für diesen wichtigen Mechanismus ist die Fähigkeit des unreifen Individuums, die gerade im Entstehen begriffenen abstrakten psychischen Strukturen (Gefühle oder begriffliche Vorstellungen) in einer regressiven Bewegung auf konkretistische Objektrepräsentationen, wie sie in einem früheren Entwicklungsstadium vorherrschten, zu reduzieren. Diese Regression kann sinnvoll sein, weil in diesem früheren Stadium die äußeren und inneren Objekte noch in gleicher Weise behandelt wurden, obwohl hier bereits zwischen Selbst und Objekten unterschieden werden konnte. Vereinfacht ausgedrückt hatten in dieser Phase Gefühle und Vorstellungen eine konkrete Objektqualität. Wenn das Kind also mit einer Bedrohung (zum Beispiel einer misshandelnden Mutter) konfrontiert ist, kann es in die frühere Entwicklungsphase regredieren und das dadurch desymbolisierte bedrohliche Objekt “Mutter” innerpsychisch ignorieren. Dies kann zeitweise Schaden von der Psyche des Kindes abwenden, auch wenn der Preis dafür das Ausblenden eines Stückes Realität ist.(vgl. Identifikation mit dem Aggressor)

Bei einer pathologischen Entwicklung des Selbst in dieser frühen Entwicklungsphase, zum Beispiel durch andauernde traumatische Einflüsse, bleibt auch im Erwachsenenalter unter spezifischen Belastungen die Abwehr der Verleugnung zur Aufrechterhaltung einer strikten Spaltung der Objektwelt und des Selbstbildes in positive und negative Bereiche aufrechterhalten. Im Zuge dessen kann bei solchen Individuen eine auffallend häufige regressive Desymbolisierung psychischer Inhalte beobachtet werden, vermutlich, damit stets ausreichend konkretistisches Material der Verleugnung zur Verfügung steht. Ein Fortbestehen von Spaltung und Verleugnung als bevorzugte Abwehrmechanismen bewirkt schließlich, dass Widersprüchlichkeit als solche überwiegend nicht ertragen werden kann. Dies ist besonders dann der Fall, wenn der reifere Abwehrmechanismus der Verdrängung, welcher nicht Ambivalenz als solche, sondern spezifische Konflikte dem Bewusstsein fernhält, nur defizitärausgebildet ist.

Verleugnung im Alltag

Auch ein als nicht pathologisch zu wertender Einsatz von Verleugnungsabwehr lässt sich beim Erwachsenen beobachten, beispielsweise in Form von der Verneinung, dass einem selbst keine schweren Unfälle oder Gewaltverbrechen zustoßen werden („Mir passiert so etwas nicht“). Außerdem weisen Tagträumereien sowie die Tätigkeit des Spiels Ähnlichkeiten mit der Funktion der Verleugnung auf. Bei all diesen Beispielen handelt es sich wohlgemerkt nicht um Phänomene von Verdrängung, weil die jeweils vom Bewusstsein ausgeschlossenen Elemente, anders als bei der Verdrängung, prinzipiell und jederzeit bewusstseinsfähig sind. Systematische Erinnerungslücken, häufige Regression auf konkretistische Objektvorstellungen sowie eine ausgeprägte Wechselhaftigkeit der Affekte sind dagegen ein Hinweis auf einen fixierten Einsatz von Verleugnungsabwehr.

Weblinks

Literatur

  • Stavros Mentzos: Neurotische Konfliktverarbeitung. 20. Aufl. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-596-42239-5.
  • Christa Rohde-Dachser: Das Borderline-Syndrom. 4. Aufl. Verlag Hans Huber, Bern 1989, ISBN 3-456-81818-1.
  • Charles Brenner: Grundzüge der Psychoanalyse. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1967.
  • Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. 19. Aufl. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-596-42001-6.
  • Edith Jacobson: Depression. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-518-07464-4.

Verdrängung (Psychoanalyse)

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Verdrängung (Psychoanalyse)

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Als Verdrängung wird in der Psychoanalyse ein grundlegender Abwehrmechanismus bezeichnet, durch den tabuierte und bedrohliche Inhalte und Vorstellungen von der bewussten Wahrnehmung des Menschen ausgeschlossen werden.

Verdrängung wird als gewöhnlicher, bei allen Menschen auftretender Vorgang aufgefasst. Unterschiedliche psychologische Schulen arbeiten mit unterschiedlichen Definitionen und Erklärungen des Begriffes, in einigen spielt er auch keine Rolle.

Die Entwicklung des Konzepts Verdrängung geht auf Sigmund Freud zurück und ist zentraler Bestandteil der psychoanalytischen Theorie.

Psychodynamik

Der psychodynamische Aspekt der Verdrängung besagt, dass seelische Energie bei der Verdrängung von den Objekten abgezogen wird, an die sie zuvor gebunden war. Insofern handelt es sich bei der Verdrängung um einen regressiven Vorgang, bei dem die vorhandene Objektbesetzung aufgehoben wird. Die seelische Energie wird dabei ersatzweise an bestimmte Komplexe oder an frühere Entwicklungsstufen gebunden.

Verdrängung und Vergessen

Neben der Verdrängung müssen die Phänomene des einfachen Vergessens (Gedächtnis), des willkürlichen „Abschaltens“ und verschiedene Formen der Hemmung (Lernpsychologie) unterschieden werden.

Auf die Existenz des Verdrängungsphänomens kann nicht zwingend aus der Beobachtung unterschiedlicher Erinnerungsleistungen bezüglich negativer oder positiver Erfahrungen geschlossen werden. Zur Erklärung solcher Beobachtungen reicht es bereits aus, anzunehmen, dass angenehme Erinnerungen häufiger abgerufen werden und daher weniger stark einem Vergessensprozess unterliegen.

Das Vergessen ist ein inaktiver Prozess, der an Vorstellungsinhalten abläuft, welche von der Person unbewusst als weniger relevant bewertet werden. Die Bewusstseinsinhalte verblassen bei der weiteren Enkodierung. Sie werden abstrakter und bilden gemeinsam mit anderen assoziierten Vorstellungen schließlich eine verschmolzene Erinnerungsspur, die nicht wieder in Einzelheiten aufgelöst werden kann. In der Lernpsychologie gilt die Fähigkeit, Einzelheiten zu vergessen und generalisierte Erinnerungsspuren zu bilden, als wichtige Voraussetzung für eine auch im Alter aktive Lernfähigkeit.

Die Verdrängung wird im Unterschied zur Erinnerung als aktiver Prozess gesehen, der einen ständigen psychischen Aufwand erfordert, die so genannte Verdrängungsarbeit. Unter ihrer Wirkung konservieren sich die Vorstellungen. Sie gehen nicht in einen Bewusstseinsstrom der Erinnerung, eine generalisierte Erinnerungsspur, ein. Dies hemmt und verfälscht die Aufnahmebereitschaft für neue Vorstellungs- und Bewusstseinsinhalte und behindert die Lernfähigkeit ganz allgemein.

Der Begriff der Verdrängung bei Freud

In Freuds Auffassung der Struktur der Psyche kommt dem Begriff der Verdrängung eine fundamentale Bedeutung zu: Die Verdrängung konstituiert eine anfängliche Spaltung des Seelenlebens in die Bereiche des Bewusstseins und des Unbewussten. Jede spätere Verdrängung wird durch eine „Urverdrängung“ ermöglicht und bedingt, die als hypothetisches Postulat einen „Hauptbestandteil von Freuds Theorie der Verdrängung“ bildet: „Nach Freud kann eine Vorstellung nur verdrängt werden, wenn sie von bereits unbewußten Inhalten angezogen wird und gleichzeitig von einer höheren Instanz (etwa dem Ich oder dem Über-Ichaus eine Aktion erfolgt.“[1]

Die Triebenergie bleibt im Vorgang der Verdrängung erhalten und verbleibt beim nunmehr unbewusst gewordenen Inhalt. Sie wirkt dort als (komplexhaft) anziehendes Moment im Gegenspiel zur abstoßenden, verdrängenden Tendenz des Bewusstseins. Die verdrängten Inhalte der Psyche werden von der Freud’schen Psychoanalyse meist als nicht kompatibel mit dem Ich verstanden. Oftmals handelt es sich bei verdrängten Inhalten um schmerzliche und ängstigende Erfahrungen, die von negativen Affekten begleitet werden.

Zur historischen Entwicklung des Freud’schen Konzepts

Freud klassifizierte 1895 in seinen Beiträgen der Studien über Hysterie eine Abwehrhysterie und einen hysterischen Mechanismus, welcher später von ihm verallgemeinert und zum Konzept der Verdrängung umgewandelt wurde. Den Begriff Verdrängung mag Freud dabei von seinem Lehrer Meynert bezogen haben, der ihn wiederum bei dem deutschen Psychologen Johann Friedrich Herbart (1824) zum ersten Mal gelesen haben könnte.

Die folgende illustrierte Darstellung entspricht der verbalen Beschreibung von Freud zur Abwehrhysterie, die unmittelbar vor der Entwicklung seines Konzepts von der Verdrängung gemacht wurde und zeigt seine ursprüngliche Vorstellung der Entstehung unbewusster Inhalte im Patienten.

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Innerhalb des primären Bewusstseins würden durch assoziative Isolation sekundäre Bewusstseinsstrukturen entstehen, die neue Repräsentanzen, welche mit ihnen nicht vereinbar sind, abwehren.

Man beachte den zeitlichen Ablauf: Die unvereinbare Repräsentanz wird nicht in jenem Moment abgewehrt, in dem sie an die Person herangetragen wird, sondern später. Die Repräsentanz müsse bereits im Bewusstsein befindlich sein, wenn sich eine Abwehr (schwarzer Pfeil) gegen sie aufbaue.

Die unvereinbare Repräsentanz werde daher ihrerseits isoliert und dem Bewusstsein entzogen (rote Abgrenzung). Da sie aber nicht in die bereits bestehende sekundäre Struktur integriert werden könne, existiere sie eigenständig im Unbewussten weiter und bilde so überhaupt das Unbewusste. Sie hinterlasse oft nur eine kaum merkliche Spur im primären Bewusstsein.

Werde die unvereinbare Repräsentanz aus der Außenwelt angesprochen – was meist über eine aktivierende Assoziation erfolgt, da die unvereinbare Repräsentanz ja nicht bewusst ist (gestrichelte dünne Linien) – so bilde sich sofort erneut Abwehr aus, die von der sekundären Bewusstseinsstruktur ausgeht und sich sowohl gegen die aktivierende Assoziation sowie gegen die Außenwelt richtet. Die beiden durchgehenden schwarzen Pfeile zeigen die Abwehr an.

Die Abwehr sei dabei vielseitig und geschickt, weise jedoch immer die Merkmale des sekundären Bewusstseins auf. Darum sei auch die Abwehr oft nicht logisch korrekt, sondern unplausibel oder unverhältnismäßig. Sie verrate damit, dass sie eine Abwehr ist, und somit auch, dass sie gegen etwas gerichtet ist – eben gegen das Bewusstwerden der unvereinbaren Repräsentanz.

Daraus schlussfolgerte Freud, dass das vermeintliche Nichtwissen des Hysterikers eigentlich ein automatisches Nichtwissenwollen sei, keinesfalls jedoch ein echtes Nichtwissen. Freud beschrieb diesen Vorgang als einen „Kampf zwischen verschiedenen Motiven“. In einer Person würden sich unbewusste Abwägungen abspielen, welche letztendlich zugunsten einer Seite hin entschieden würden. In ungünstigeren, meist aber gegebenen Fällen gehe das sekundäre Bewusstsein einen Kompromiss ein, der es ihm erlaube, die unvereinbare Repräsentanz trotz gewisser Zugeständnisse an die Außenwelt unbewusst zu lassen. Dann nämlich werde die Wahrnehmung selbst in den Dienst des sekundären Bewusstseins gestellt. (Der Vorgang wird heute in der kognitivistischen Schule als kognitive Dissonanzreduktion bezeichnet, allerdings theoretisch anders untermauert.)

Die Therapie schließlich könne sich zunächst mit Drängen und Appellen über das primäre Bewusstsein der unvereinbaren (und in diesem Moment ja unbewussten) Repräsentanz nähern, in der Hoffnung, der Patient könne unter psychischem Druck die Abwehr überwinden. Die Abwehr richtet sich, so Freuds Ansicht, deshalb sehr heftig gegen den Therapeuten, der mitunter als feindlich empfunden werde.

Der psychische Druck ist hier blau dargestellt. Er wird durch Drängen und verschiedene argumentative Kunstgriffe aufgebaut und zielt darauf ab, dass er vom Patienten nur vermindert werden kann, wenn der Patient seine Abwehr fallen lässt und die unvereinbare Repräsentanz äußert. Außer dem Drängen gibt es noch die Möglichkeit, taktil verstärkte Suggestionen zu erteilen und deren Wirkung mit dem Patienten gemeinsam zu besprechen, damit die Resultate später verfügbar sind.

Wichtig dabei sei, dass der Patient nicht zur Entwicklung von hypothetischen Vorstellungen gedrängt werde, die er sich schnell zurechtlegt, rationalisiert oder erlügt. Selbst wenn der Therapeut eine Ahnung davon hat, um welche unvereinbare Repräsentanz es sich handeln könnte, müsse er streng darauf achten, dass sie vom Patienten erstmals geäußert werde, da nur dann abgesichert ist, dass er keinem Irrtum unterliegt.

Das Konzept der Abwehrhysterie enthielt historisch erstmals eine empirisch und theoretisch ausgearbeitete Annahme unbewusster Repräsentanzen. Es ist jedoch noch einmal hervorzuheben, dass, wie oben bereits angedeutet, das hysterisierende Vergessen von Erinnerungen an tatsächliche, traumatisierende Ereignisse nur eine vorläufige Arbeitshypothese Freuds aus dem Jahr 1896 darstellte, die er spätestens 1905 im Rahmen der Erstveröffentlichung seiner Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie mit dem Konzept des Ödipuskomplexes ersetzt hatte. Erste Ansätze dazu finden sich allerdings bereits in einem Brief Freuds an Wilhelm Fließ aus dem Jahre 1897, in dem auch der Begriff „Ödipuskomplex“ erstmals auftaucht.

Freilich löste aber auch die Einführung des Ödipuskomplexes das Problem nicht vollständig; erst die Begriffe EsIch und Überich, die Freud in den Jahren 1920-23 entwickelte, waren vollständig dazu in der Lage, die Unstimmigkeiten, die im Zusammenhang mit Freuds Verführungstheorie aufgetaucht waren und diese mit der Wirklichkeit unvereinbar gemacht hatten, zu erklären.

1915 widmete Freud eine Arbeit dem Verdrängungskonzept (Die Verdrängung G.W., X). Er unterschied nunmehr drei Phasen:

  • Die Urverdrängung, die den Trieb kernhaft auf unbewusste Inhalte fixiert und die Basis für spätere Verdrängungsleistungen abgibt,
  • die eigentliche Verdrängung (auch: „Nachdrängen“), die sich jeweils immer wieder ereignet und die ohne den vorgenannten den Trieb auf sich zentrierenden Kern nicht denkbar ist, sowie
  • die Wiederkehr des Verdrängten, als Ausdruck der Tendenz des Unbewussten, sich in Form von Symptomen, Träumen oder Fehlleistungen wieder geltend zu machen.

Kritik des Verdrängungsbegriffs

Das Konzept der Verdrängung beinhaltet mehrere Schwierigkeiten. Einerseits gibt es keine eindeutige Operationalisierung, die einen empirischen Nachweis ihrer Existenz erlauben würde. Einige der Theorie zugrunde liegende Begriffe sind unscharf definiert und daher beliebig interpretierbar. Darüber hinaus lässt sich – wenn es sich um den Fall des Nicht-Erinnerns handelt – mit den heutigen wissenschaftlichen Methoden nicht differenzieren, ob dazu keine Informationen im Gedächtnis vorliegen, oder aber diese vorliegen, jedoch nicht zugänglich sind.

In der Gedächtnispsychologie wird das Konzept äußerst kontrovers diskutiert, und es mehren sich eher die Zweifel daran, dass Verdrängung überhaupt existiert.[2][3][4] Auch in Bezug auf psychische Störungen lassen sich beide Annahmen wiederfinden. Zum Teil wird Verdrängung als Mechanismus für manche Störungen angenommen (z. B. die dissoziativen Störungen). Gegen ein Verdrängen von negativen Erfahrungen sprechen jedoch andere Störungen, wie die Posttraumatische Belastungsstörung, bei welcher aktuelle Schwierigkeiten gerade aus dem Nicht-Vergessen-Können von Erlebtem resultieren. Crombag & Merckelbach (1997) vertreten auch die Auffassung, dass man „Missbrauch nicht vergisst“.[5]

Darüber hinaus wurde bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass Therapeuten bzw. auch Medien (z. B. Selbsthilfebücher wie „The Courage to Heal“ von Bass & Davis) selbst an der Entstehung von Pseudoerinnerungen beteiligt sein können, die zuvor fälschlicherweise als verdrängte Erlebnisse interpretiert wurden.[6][7] Dies führte auch zu der Gründung der False Memory Syndrome Foundation.[8]

Die Primärtherapie, deren Begründer Arthur Janov ursprünglich aus der Freud’schen Schule kommt, erkennt das Phänomen Verdrängung zwar als existent an, sagt jedoch gleichzeitig in seiner Primärtheorie, dass diese Verdrängung lediglich aus Inhalten bestehe, die gerade psychische Traumata darstellen und in letzter Konsequenz zu psychischen Störungen, Neurosen, Psychosen führen. Ziel einer Therapie müsse es sein, die verdrängten Inhalte wieder bewusst zu machen und Verbindungen zu Verhaltensweisen in der Gegenwart herzustellen. Ein systematisches medizinisch fundiertes Modell zur Erklärung stellte Arthur Janov in seinem BuchThe Anatomy of Mental Illness 1971 (deutsche Ausgabe: Anatomie der Neurose) dar. Hierin stellt er ein neurologisches Modell vor, die Primärtheorie, mit der er die Blockade vor allem von Wahrnehmungen und Reaktionen auf die Funktion des limbischen Systems zurückführt.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Vgl. hierzu und dem Folgenden: Jean LaplancheJean-Bertrand PontalisDas Vokabular der Psychoanalyse, Ffm. (6. Auflage) 1984, Artikel Urverdrängung und Verdrängung, S. 578 ff. bzw. S. 582 ff..
  2. Erdelyi, M. H. (2006). The unified theory of repression. Behavioral and Brain Sciences, 29, 499-551.
  3. Hayne, H., Garry, M., Loftus, E. F. (2006). On the continuing lack of scientific evidence for repression. Behavioral and Brain Sciences, 29, 521-522.
  4. Piper, A., Lillevik, L., & Kritzer, R. (2008). What’s wrong with believing in repression? A review for legal professionals. Psychology, Public Policy, and Law, 14, 223-242.
  5. Crombag, H. F. M., & Merckelbach, H. L. G. (1997). Missbrauch vergisst man nicht. Erinnern und Verdrängen – Fehldiagnosen und Fehlurteile. Berlin: Verlag Gesundheit.
  6. Loftus, E. F. (1993). The reality of repressed memories. American Psychologist, 48, 513-537.
  7. de Rivera, J. (1997). The construction of False Memory Syndrome: The Experience of Retractors. Psychological Inquiry, 8, 271-292.
  8. Memory and Reality

Sublimierung (Psychoanalyse)

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Sublimierung (Psychoanalyse)

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Sublimierung oder Sublimieren (von lateinisch sublimis, hoch in der Luft befindlich, schwebend und lateinisch sublime (Adverb), in der Höhe, in die Höhe) bedeutet ganz allgemein, dass etwas auf eine höhere Stufe gebracht wird, sozusagen durch einen Veredelungsprozess. Der gleiche Wortstamm wird auch in Wendungen wie „ein sublimer Einfall“[1] in der Bedeutung besonders fein, erhaben gebraucht.

Sigmund Freud verstand unter Sublimierung eine Umwandlung oder Umlenkung von Triebwünschen in eine geistige Leistung oder kulturell anerkannte Verhaltensweise (vor allem in den Bereichen wie Kunst und Wissenschaft). Sie gehört damit zu den Abwehrmechanismen des Ichs.

Nach psychoanalytischer Deutung ist die Entstehung der gesamten menschlichen Kultur das Ergebnis von Sublimierung. Insbesondere in der künstlerischen Tätigkeit und im wissenschaftlichen Forschertum sieht Freud eine Überführung niederer Triebregungen in höhere Bereiche.

siehe auch

Einzelnachweise

  1. Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Vaterländischer Roman. In: Willibald Alexis (W. Hähring): Vaterländische Romane. Band 7, 4. Auflage, Otto Janke, Berlin [1881]. 61. Kapitel: Was sagen Sie zu meiner Frau, S. 524.

Reaktionsbildung

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Reaktionsbildung

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Reaktionsbildung steht in der Psychoanalyse für einen Abwehrmechanismus. Ein Triebimpuls aus dem Unbewussten wird abgewehrt, indem eine entgegengesetzte Verhaltensweise entwickelt wird. Beispiele:

  • Ein Parteimitglied lobt begeistert seinen Parteichef, obwohl eine unbewusste Ablehnung des Parteichefs besteht.
  • Wo jemand nach allgemeinem Empfinden eigentlich wütend reagieren müsste, reagiert er stattdessen behütend und fürsorgend.
  • Ein Mensch mit starker homoerotischer Neigung wehrt diese ab, indem er eine starke Homophobie entwickelt.
  • Ein Kuckuckskind reagiert auf unterschwellig wahrgenommene Anzeichen einer als schamhaft abgewehrten Vaterschaftsdiskrepanz mit einer hypertrophen Bedeutungssetzung der fälschlich zugeschriebenen väterlichen Blutlinie.

Es werden also Triebe und Wünsche – teilweise unbewusst – für inakzeptabel gehalten und durch etwas ersetzt, das der ursprünglich beabsichtigten Reaktion diametral entgegengesetzt ist, jedoch ein sozial erwünschtes Verhaltensmuster darstellt. Dieses Verhalten wird wie alle Abwehrmechanismen ausgebildet, um Schuldgefühle und Angst, aber auch andere unlustvolle Erlebenszustände (Trauer/Verlassenheit, Wut, Scham, Schuld, Ekel) zu bewältigen.

Psychoanalytische Theorie

Nach der gängigen psychoanalytischen Theorie ist die Reaktionsbildung (Bezeichnung entstammt der Tatsache, dass etwas eine direkte Reaktion auslöst) die Verdrängung eines inakzeptablen (und deshalb Unlust erweckenden) Gefühls durch eine Umkehr in sein Gegenteil (Verminderung der Unlust, Maximierung der Lust). Da die Auslöser von Lust und Unlust äußerst individuell sein können, sind Reaktionsbildungen auch individuell. Eine Reaktionsbildung, die für eine Person funktioniert, würde nicht unbedingt für eine andere passen. Es kann bewusst, unbewusst oder teilweise bewusst geschehen.

Strukturtheoretische Aspekte: Oberflächlich betrachtet, in Hinblick auf die psychische Instanzen (Struktur) Ich, Es, und Über-Ich, passiert eine Reaktionsbildung zwischen einer Instanz und einer anderen: Der Wunsch, alle Frauen sexuell zu erobern, aus dem Es, könnte zum Wunsch führen, zölibaterer Priester zu werden, im Über-Ich beheimatet. Ebenso kann Kastrationsangst (Über-Ich) zu sexueller Überaktivität (Es) führen. Tiefer betrachtet ist auch das komplexer, weil alle Wünsche und Ängste multi-determiniert sind, und jedes setzt sich aus verschiedenen Elementen aus allen drei Instanzen zusammen.

Triebtheoretische Aspekte: Ein Gefühl aus dem aggressiven Trieb kann in ein Gefühl aus dem libidinösen Trieb verwandelt werden und umgekehrt. Aber die Reaktionsbildung kann auch innerhalb eines einzigen Triebes, ob libidinös oder aggressiv, verwandelt werden. Auch das ist komplizierter, weil es keine Wünsche gibt, die ausschließlich aus nur einem Trieb entstammen, immer spielen beide Triebe eine Rolle, wenn auch in variablen Verhältnis.

Kritik

Für den Philosophen Abraham Kaplan ist das Konzept ein Beispiel für ein verstärktes Dogma: „Die psychoanalytische Doktrin der Reaktionsbildung scheint die Theorie gegen Falsifikation zu sichern, indem sie sie tautologisch macht. Jungen fühlen sich sexuell zu ihren Müttern hingezogen. Geben sie diesem Gefühl Ausdruck, gut (für die Theorie); verhalten sie sich dagegen so, als ob sie ihre Mütter abscheulich fänden, zeigt dies lediglich eine Reaktionsbildung gegen ihre eigenen verbotenen Wünsche an, und auch so stimmt die Theorie; sie ist wahr, was immer passiert.“ (Abraham Kaplan: The conduct of inquiry: Methodology for behavioral science. San Francisco: Chandler, 1964)[1]

Einzelnachweise

  1. Zit. n. Amelang, M. et al.: Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung, Stuttgart: Kohlhammer, 6. Auflage 2006, S. 347

Projektive Identifikation

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Projektive Identifikation

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Der Begriff der projektiven Identifikation (oder auch projektiven Identifizierung) stammt von der Psychoanalytikerin Melanie Klein. Es handelt sich hierbei um einen unbewussten Abwehrmechanismus von Konflikten, bei dem Teile des Selbst abgespalten und auf eine andere Person projiziert werden. Diese Person wird dann unbewusst als Teil des eigenen Selbst empfunden.

Der Begriff wurde von Otto Kernberg im Zusammenhang mit seinen Arbeiten zur Borderline-Persönlichkeitsstörung weiterentwickelt. Borderline-Patienten neigen besonders dazu, den Therapeuten in ihre psychische Konfliktkonstellation mit einzubeziehen. Aus diesem Grund erzeugen Borderline-Patienten beim Therapeuten häufig heftigere Gegenübertragungsgefühle als Patienten mit anderen psychischen Störungen.[1] Die projektive Identifikation ist jedoch nicht auf die Borderline-Persönlichkeitsstörung beschränkt.

In der therapeutischen Praxis sind Projektive Identifikation seitens des Patienten und Gegenübertragung seitens des Therapeuten in der Regel eng miteinander verbunden. Patienten setzen Tendenzen zur projektiven Identifikation zur eigenen Entlastung unbewusst besonders bei Therapeuten ein, welche aufgrund intensiver Gegenübertragungsgefühle auf den Patienten stark reagieren. Therapeuten reagieren meist intensiver mit Gegenübertragungen auf Patienten, die sie in ihre Konfliktkonstellation mit einbeziehen. Im Idealfall ist die Gegenübertragung dem Therapeuten völlig bewusst und kann so im Sinne des Therapieerfolges genutzt werden.

Siehe auch

Literatur

  • Claudia Frank / Heinz Weiß (Hrsg.): Projektive Identifizierung. Ein Schlüsselkonzept der psychoanalytischen Therapie. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-94408-2.
  • Wolfgang Trauth: Konzept der Projektiven Identifizierung: Möglichkeit, zwischenmenschliche Interaktionen zu beschreiben – Teil I: Konzeptentwicklung und Definition. In: Psychotherapie in Psychiatrie, Psychotherapeutischer Medizin und klinischer Psychologie. ISSN 1430-9483, Bd. 8 (2003), H. 2, S. 326–333 (PDF; 48 kB).

Einzelnachweise

  1. Otto F. Kernberg: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-518-28029-5, S. 68–88.

Projektion (Psychoanalyse)

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Projektion (Psychoanalyse)

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Projektion bezeichnet in der Neurosenlehre allgemein und und von Schulen unabhängig einen Abwehrmechanismus. Der Begriff Projektion umfasst das Übertragen und Verlagern eines innerpsychischen Konfliktes durch die Abbildung eigener EmotionenAffekte, Wünsche und Impulse, die im Widerspruch zu eigenen und/odergesellschaftlichen Normen stehen können. Eine solche Projektion richtet sich auf andere Personen, Menschengruppen, Lebewesen oder Objekte der Außenwelt.

 

 

Abgrenzungen

Die Projektion wird oft mit dem psychoanalytischen Begriff Übertragung als Synonym verwendet. Allerdings stellt die Übertragung lediglich eine spezielle Form der Projektion dar, in der unbewusste Wünsche und Erfahrungen in einem bestimmten Beziehungsgeschehen reaktiviert werden. Dies trifft besonders auf die Übertragung im therapeutischen Umfeld zu. Sie wird beispielsweise am häufigsten bei der Paranoia – diese im Sinne einer Persönlichkeitsstörung – gefunden. Die neurotische Paranoia unterscheidet sich von der psychotischen dadurch, dass der Neurotiker kein bizarres Beeinträchtigungserleben hat. Die Projektion kann aber auch bei anderen psychischen Konflikten gefunden werden, so z. B. neigen Personen mit einer histrionischen Persönlichkeitsstörung häufig zur Abwehr durch Projektion.

Definitionen nach Schulen

Psychoanalyse

In der Psychoanalyse nach Sigmund Freud versteht man unter Projektion einen Abwehrmechanismus, bei dem eigene, unerwünschte Impulse z.B. im Sinne von Gefühlen und Wünschen einem anderen Menschen (oder Gegenstand) zugeschrieben werden.

„Projektion ist das Verfolgen
eigener Wünsche in anderen.“

Beispiel: Eine Frau fühlt sich durch einen Kollegen sexuell bedrängt, obwohl dieser den Kontakt meidet. Lässt das Verhalten des Kollegen von außen betrachtet eher die Wahrscheinlichkeit zu, dass er keinen Kontakt wünscht, so kann davon ausgegangen werden, dass die Frau ihr Begehren in den Kollegen projiziert hat.

Analytische Psychologie

Die Analytische Psychologie nach Carl Gustav Jung versteht unter Projektion zum einen das Zuschreiben von in der eigenen Psyche angelegten Archetypen an Personen oder Objekte außerhalb des Ichs. Es werden beschrieben:

  • Die Projektion des Mutterarchetyps auf die persönliche Mutter bzw. andere Frauen. Sie führt regelmäßig zum Mutterkomplex und ist Ursache einer Vielzahl psychischer Störungen.
  • Die Projektion des Schattenarchetyps, also verdrängter eigener Eigenschaften, Wünsche und Taten – vor allem solcher, die mit gesellschaftlichen Normen in Konflikt stehen, oder für die sich der Projizierende schämt – auf andere Menschen, um sich selbst von diesen distanzieren zu können. Es handelt sich um einenAbwehrmechanismus zur Bewältigung der Negativanteile der eigenen Persönlichkeit. Dieser Abwehrmechanismus führt aber häufig zu sozialen Konflikten, bis hin zu der Verfolgung von Minderheiten und Krieg.

Die weitere Form von Projektion umfasst das Hineinlesen eigener Vorstellungen auf mächtigere Personen oder Wesen, um diesen Rechtfertigung und Nachdruck zu verleihen. Beispiele für diese Form der Projektion finden sich bei Puristen oder Fundamentalisten: „Gott will, dass alle Ungläubigen bekehrt werden“.

Weiterführende Begriffe

Projektive Identifikation

→ Hauptartikel: Projektive Identifikation

Die über die Projektion hinausgehende projektive Identifizierung ist das Konzept eines psychischen Mechanismus, der mit der Schule von Melanie Klein im Zusammenhang mit ihren Forschungen zu frühkindlichen Abwehrmechanismen beschrieben und weiterentwickelt wurde. Sie bewirkt, dass der Mensch, welcher Ziel der Projektion ist, sich in seinem Verhalten den Erwartungen des Projizierenden anzugleichen beginnt und diese im Rahmen von dessen manipulierendem Verhalten erfüllt. Dabei richtet der Projizierende seine Wahrnehmung des Gegenübers nach seinen eigenen Maßstäben aus, d.h. was in die eigenen Vorstellungen passt, wird bevorzugt wahrgenommen, wohingegen nicht Passendes nicht oder weniger gewertet wird (selektive Wahrnehmung). Das interpersonelle Manipulieren ist hierbei die nicht nur hinreichende, sondern sogar notwendige Voraussetzung für die Diagnose eines Vorliegens der projektiven Identifikation. So werden durch provozierendes oder verführendes Verhalten bei dem Menschen, der Ziel der Projektion ist, diejenigen Verhaltensweisen hervorgerufen, die der Projizierende erwartet. Die Klein’sche Schule legt hierbei noch nicht fest, was in dem projektiv Identifizierten das erwünschte Verhalten auslöst, wobei spätere Schulen den interaktionellen Anteil zur Definition voraussetzen. Manche Therapeuten sehen die projektive Identifikation als sehr archaischen Abwehrmechanismus an und sehen ihn nur in frühen Störungen, wohingegen andere Therapeuten diesen Mechanismus auch bei anderen Störungsbildern sehen.

Institutionelle Abwehr

Der Begriff institutionelle Abwehr wurde von Stavros Mentzos vorgeschlagen. Als Synonyme für institutionelle Abwehr werden auch Begriffe wie psychosoziale Kompromisslösung und psychosoziales Arrangement gebraucht (s.a. Annelise Heigl-Evers). Als gleichbedeutend wird auch der von Jürg Willi geprägte Begriff Kollusionverwendet. Die Autoren Hoffmann und Hochapfel verwenden den Begriff psychosoziale Abwehr. Er besagt, dass zivile Personen wie auch Institutionen Abwehr und kompensatorische Funktionen ausüben können. Die Bedeutung des Begriffs ist als in sich gegensätzlich zu verstehen. Einmal können die von der Institution angebotenen Rollen vom einzelnen zum Zweck der individuellen neurotischen Abwehr benutzt werden, andererseits übernehmen Institutionen sekundär die Befriedigung neurotischer Bedürfnisse. Interpersonelle und institutionelle Abwehr gehören zu den am häufigsten vertretenen und auch in der Öffentlichkeit eingenommenen Abwehrmechanismen (s.a. Stavros Mentzos). Es erscheint gerechtfertigt, die institutionelle und interpersonelle Abwehr als Unterformen der Projektion zu betrachten, da es sich bei diesen Abwehrformen um eine Externalisierung, das heißt, um eine Verlagerung des innerseelischen Konflikts in eine reale zwischenmenschliche und zuweilen soziale bzw. institutionelle Beziehung handelt. Diese Ähnlichkeit und das Zusammenwirken von intraindividueller und interindividueller Balance wurde insbesondere von Jürg Willi hervorgehoben. Erich Neumann spricht von einer Sündenbockpsychologie als ethischer Primitivform. Sie deckt sich mit demuniversalgeschichtlich zu verfolgenden Entwicklungsstadium der Gruppenidentität bzw. mit dem entwicklungsgeschichtlichen Stadium des Narzissmus, siehe → psychogenetisches Grundgesetz. Dabei kommt es zu einem Kreislauf der Gewalt in Form von äußerer Ausgrenzung in Form von Projektion auf der Objektstufe (z.B. Fremdenhaß) und innerpsychischer Abspaltung (Schattenproblem). Dieser Schatten führt erneut zur Projektion auf die Politik bzw. auf extremistische politische Gruppierungen. Hierdurch werden alle mit dem wertidentischen Bewusstsein nicht übereinstimmenden Inhalte auf eine Person oder Personengruppe übertragen, die – evtl. auf dem Umweg über politische Institutionen – nun zur Zielscheibe aller verdrängten destruktiven Affekte wird (z. B. Achse des Bösen).

Literatur

  • Annelise Heigl-Evers, F. Heigl: Die psychosozialen Kompromißbildungen als Umschaltstelle innerseelischer und zwischenmenschlicher Beziehungen. In: Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik. 14, 1979, S. 310–325.
  • Hoffmann, Hochapfel: Neurotische Störungen und psychosomatische Medizin. Schattauer, Stuttgart/ New York 2003, ISBN 978-3-7945-2619-2, S. 59 f.
  • Karl KönigAbwehrmechanismen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen/ Zürich 2007, ISBN 978-3-525-45607-1.
  • Karl König: Einführung in die psychoanalytische Krankheitslehre. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen/ Zürich 1997, ISBN 3-525-45788-X.
  • Jean LaplancheJean-Bertrand PontalisDas Vokabular der Psychoanalyse. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1973, ISBN 3-518-27607-7.
  • Stavros MentzosNeurotische Konfliktverarbeitung; Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuerer Perspektiven. (= Geist und Psyche. Bd. 42239). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt a.M. 1992, ISBN 3-596-42239-6, S. 50, 256, 259, 265.
  • Das Kollusionskonzept. In: Jürg WilliDie Zweierbeziehung, Spannungsursachen / Störungsmuster / Klärungsprozesse / Lösungsmodelle – Analyse des unbewußten Zusammenspiels in Partnerwahl und Paarkonflikt. Rowohlt, Reinbek 1988, S. 167.
  • Erich NeumannTiefenpsychologie und neue Ethik. (= Geist und Psyche. Bd. 42005). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt a.M. 1985, ISBN 3-596-42005-9. (zu Stichwort Sündenbockpsychologie: S. 39, 40, 44, 46; zu Stw. Gruppenidentität: S. 40, 61 (Fn 1), 62)

Introjektion

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Introjektion

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Introjektion (von lateinisch intro = „hinein“, „herein“ und iacere = „werfen“) ist ein Begriff aus der Psychoanalyse, der einen Vorgang beschreiben soll, bei dem eine äußere Realität (Objekte, Objektqualitäten) nach dem Vorbild körperlicher Einverleibung in das seelische Innere hineingelangt. Das betreffende Objekt bzw. die betreffenden Objektqualitäten werden auch als Introjekt bezeichnet.

 

 

Herkunft

Der ungarische Psychoanalytiker Sandor Ferenczi prägte den Begriff „Introjektion“ als symmetrische Entsprechung zum Gegenvorgang der Projektion (Ferenczi 1910). Ein unliebsamer Inhalt kann demgemäß nicht nur durch Projektion aus dem Psychischen ausgeschlossen und in die äußere Realität versetzt werden, sondern eine äußere Realität kann auch in Form eines „Introjekts“ zum festen Bestandteil der Psyche werden. Für Ferenczi ist Introjektion zunächst das Wesen der „Objektliebe“; im Ausgang vom ursprünglich angenommenen Autoerotismus bzw. (primären) Narzissmus‘ finde durch Hereinnahme äußerer „Objekte“ eine „Icherweiterung“ statt:

„Im Grunde genommen kann der Mensch eben nur sich selbst lieben; liebt er ein Objekt, so nimmt er es in sein Ich auf […] Solches Anwachsen, solche Einbeziehung des geliebten Objektes in das Ich nannte ich Introjektion.“

– Ferenczi (1911)

Sigmund Freud übernahm den Begriff, um die Frühentwicklung des Ich in Abgrenzung von der Außenwelt zu erklären:

„[…] das purifizierte Lust-Ich bildet sich durch Introjektion von allem, was eine Lustquelle darstellt, und durch Projektion von allem nach außen, was Gelegenheit zur Unlust gibt.“

– Freud: Triebe und Triebschicksale, 1915

Dementgegen beschreibt Ferenczi 1932 jedoch auch eine Introjektion der Unlustquelle (Introjektion des Angreifers) als wesentliches Moment einer Traumatisierung.

Allgemeines

Unter Introjektion wird allgemein der Prozess des In-Sich-Aufnehmens von Werten und Normen verstanden, die jemand im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung während seiner Sozialisation verinnerlicht. Werden diese verinnerlichten Pflichten vernachlässigt, empfindet der Mensch ein Schuld- oder Schamgefühl, hat ein schlechtes Gewissen. Introjizierte Normen und Werte werden im Laufe der Entwicklung passiv und ohne eigene freie Entscheidung des Kindes von außen eingegeben, können daher mehr oder weniger von seiner eigenen Persönlichkeit abweichen und im Extremfall konträr dazu stehen. Die Introjektion kann so von der Internalisierung unterschieden werden, bei der Normen und Werte aktiv aufgenommen und durch Assimilation in das Gesamt der Persönlichkeit integriert werden.

Psychoanalyse

Introjektion stellt im Rahmen der psychoanalytischen Theoriebildung eine Stufe von Internalisierungsprozessen dar. Die Introjektion gilt als eine Vorstufe der reiferen Identifikation, als deren Vorläufer sie betrachtet wird. Sie stammt aus der oralen Phase. Vorstufe der Introjektion ist die Inkorporation. Introjektion bedarf jedoch einer reiferen Form des Ichs, als bei der Inkorporation, bei der die Differenzierung zwischen Subjekt und Objekt noch nicht stattgefunden hat. Ihre zugehörigen Objektrepräsentanzen sind ambivalent. Sie sind durch verschiedene libidinöse, aggressive und narzisstische Konflikte verzerrt. Die unabhängige Objektrealität wird vom Kind zwar schon erkannt, jedoch nicht ohne Ambivalenzen und Ängste. Diese werden dann projektiv abgewehrt. Projektion stellt das Gegenstück zur Introjektion auf der Seite der Externalisierungsprozesse dar. Introjektionen sind – ebenso wie davor schon die Inkorporationen – in der frühen Kindheitsphase notwendig. Treten sie aber im späteren Leben übermäßig auf, so sind sie Ausdruck eines regressiven Vorgangs verzerrter Objektwahrnehmung. Introjektive (und projektive) Mechanismen spielen bei der Depression und bei der Borderlinestörung eine wichtige Rolle.[1]

Introjektion in der Gestalttherapie

Das Konzept der “Introjektion” in der Gestalttherapie ist nicht identisch mit der psychoanalytischen Definition. Fritz und Laura Perls setzen die Assimilation der Introjektion entgegen. Bei der Assimilation verwandelt der Organismus (als Gesamtheit von Körper, Geist und Seele) Neues aus der Umwelt in Eigenes, das er zur Selbsterhaltung und zum Wachstum benötigt. Dabei wird das Neue an der Kontaktgrenze des Organismus mit der Umwelt geprüft, “zerstört” und umgewandelt, so dass es assimiliert werden kann. Dazu ist positiv verstandene Aggression notwendig. Nicht-brauchbares Material wird nicht übernommen. Fritz und Laura Perls sehen dies in Analogie zum “Kauen” beim Prozeß der Nahrungsaufnahme.

Bei der Introjektion wird das Neue aus der Umwelt ohne Prüfung und Umwandlung als Ganzes in den Organismus aufgenommen, da an der Kontaktgrenze u.a. die Bewusstheit herabgesetzt ist oder völlig fehlt, und “aggressives” zerstören und überprüfen daraufhin, was für den Organismus sinnvoll ist, und was nicht, nicht geschieht. Das so entstandene Introjekt bleibt im Organismus ein Fremdkörper. Dieser Prozeß wird analog zum Saugen bzw. Schlucken bei der Nahrungsaufnahme verstanden.[2]

Anstelle des Kontakts mit dem Neuen ist bei der Introjektion “Konfluenz” getreten. Konfluenz bezeichnet einen Zustand an der Kontaktgrenze, bei dem die Bewusstheit herabgesetzt ist, oder vollständig fehlt, und/oder bei dem die Kontaktgrenze selbst nicht mehr vorhanden ist.[3]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Stavros MentzosNeurotische Konfliktverarbeitung – Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer-Verlag. Frankfurt a.M. 1984, S. 42 ff.
  2. Perls, F.: ‘Das Ich, der Hunger und die Aggression’, 1944/1946, Stuttgart 1978, S. 154 ff.
  3. Perls, F./Hefferline, R./Goodman, P.: ‘Gestalt-Therapie. Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung’, 1951, Stuttgart 1979, S. 244 ff.

Literatur

Weblinks

 Wiktionary: Introjektion – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Inkorporation (Psychoanalyse)

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Inkorporation (Psychoanalyse)

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Inkorporation ist der erste von drei Internalisierungsprozessen innerhalb der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie. Internalisierung bedeutet hierbei, dass Aspekte eines Objektes, so wird eine für den einzelnen bedeutsame Person in der Psychoanalyse genannt, verinnerlicht und somit übernommen werden. Die Inkorporation ist hierbei der entwicklungspsychologisch früheste Prozess der Internalisierung. In der Theorie der Psychoanalyse bedeutet es, dass das Subjekt (der Säugling) das Objekt (Die Mutter oder Anteile von ihr) symbolisch in seinen Körper aufnimmt, in dem dieses weiterexistiert. Tatsächlich werden durch die Prozesse der Inkorporation die Eigenschaften des Objektes übernommen.

Dies geschieht, in der Entwicklung des Säuglings noch bevor sich die Fähigkeit zur Subjekt-Objektdifferenzierung ausgebildet hat (Mentzos S. 44), also bevor das Kind zwischen seiner Innenwelt und dem äußeren unterscheiden kann. Die beiden anderen Internalisierungsstufen setzen reifere Ichstrukturen voraus. Die Inkorporation stellt den frühsten Verinnerlichungsprozess dar, den man auch mit „Einverleibung“ beschreiben kann. Die beiden reiferen Internalisierungsprozesse sind die Introjektion und die Identifikation (Hoffmann S.O., S. 68).

Bleibt die Reifung aus, überwiegen auch beim Erwachsenen Elemente der Inkorporation im Sinne einer Prädisposition und Tendenz zur Reaktivierung solcher Internalisierungsformen und den dazugehörigen Objektbeziehungen. Dadurch werden Internalisierungen zu pathologischen Abwehrprozessen, auf die auch in manchen Situationen Erwachsene regressiv zurückgreifen. Beispielsweise schreibt Mentzos, dass Inkorporationen bei der Psychodynamik von Suchterkrankungen eine Rolle spielen würde.

Der Begriff wird in unterschiedlichen psychoanalytischen Schulen gebraucht. Eine besondere Bedeutung hat er für die Objektbeziehungstheorie und hier vor allem für die Objektbeziehungstheorie, die von Melanie Klein begründet wurde. Nach Melanie Klein würden in solch einer frühen Phase der Entwicklung, in der die Inkorporation die vorherrschende Form der Internalisierung ist, die Bezugspersonen (meist die Mutter) in der Phantasie des Säuglings nur sehr archaische Eigenschaften haben und würden darin auch nicht ganzheitlich wahrgenommen werden. Diese Eigenschaften werden in der psychoanalytischen Theorie Objektqualitäten genannt. Bei der Inkorporation würden zumeist grundlegende Eigenschaften wie gut und böse internalisiert, also als im eigenen Körper vorhanden phantasiert.

Aber auch in der modernen psychoanalytischen Literatur werden Inkorporationsprozesse beschrieben. So beschreiben etwa psychoanalytische Säuglingsforscher bestimmte Interaktionsprozesse als Inkorporation, da dadurch beschrieben werden kann, welche „Objektqualtiäten“ der Säugling eigentlich verinnerlicht hat. (M.Dornes 2003 51 ff.)

Quellen

  • Mentzos, Stravos. Neurotische Konfliktverarbeitung – Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer-Verlag. Frankfurt a.M. 1984. S. 44.
  • S.O. Hoffmann. 1979. Charakter und Neurose. Suhrkamp. Frankfurt a.M. S. 68
  • Dornes, M. 2003. S. 51 ff.

Regression (Psychoanalyse)

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Regression (Psychoanalyse)

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Regression beschreibt innerhalb der psychoanalytischen Theorie einen psychischen Abwehrmechanismus. Mit dem Ziel der Trieb-Impuls-Abwehr oder der Angstbewältigung erfolgt ein zeitweiliger Rückzug auf eine frühere Entwicklungsstufe in der Persönlichkeitsentwicklung mit einfacheren, primitiveren Reaktionen und in der Regel auch niedrigerem Anspruchsniveau.[1] Beispiele für regressive Verhaltensmuster sind Weinerlichkeit, Rückzug, Flucht in Krankheit, Trotzverhalten und Fresslust.

Wie alle Abwehrmechanismen läuft Regression – in Bezug auf das verursachende Problem – überwiegend unbewusst ab und dient der Stabilisierung des psychischen Gleichgewichts. In diesem Sinne ist sie nicht dysfunktional, sondern Teil der Fähigkeit zur Selbststeuerung.

Entwicklung des Begriffs

Der Begriff der Regression wurde von Sigmund Freud in die psychoanalytische Praxis eingeführt[2] und war eng mit den von ihm beschriebenen psychopathologischen Erscheinungsformen und der psychosexuellen Entwicklung (wie LibidoTriebtheorie) verknüpft. Der Begriff der Regression steht bei Freud für die „Neigung der Libido im Falle von genitaler Nichtbefriedigung oder realer Schwierigkeiten in die früheren prägenitalen Besetzungen zurückzukehren“.[3]

Der Freud-Schüler Kurt Lewin merkt dazu an: „Seine Theorie der Stufen der Libido-Organisation, die die Entwicklung des Individuums einteilt, beruht größtenteils auf Beobachtungen der Regression im Bereich der Psychopathologie“.[2]

Anna Freud beschreibt Regression in ihrem grundlegenden Werk Das Ich und die Abwehrmechanismen[4] zusammen mit zehn weiteren Abwehrmechanismen, die allesamt in mehr oder minder sinnvoller bis pathologischer Weise der Verarbeitung innerer Konflikte dienen.

Der Psychoanalytiker Michael Balint wertet Regression erstmals auch als Bewältigungsmechanismus, der einer Selbstregulation dienlich ist. Damit einhergehend wird die Beziehung von Patient und Therapeut mit ihren „heilenden“ Aspekten ebenfalls deutlich hervorgehoben. Danach gilt Regression als ein therapeutisches Moment, in dem wesentliche Bestandteile der interaktiven Beziehung zwischen Patient und Therapeut Berücksichtigung finden.[5] So unterscheidet sich der Regressionsbegriff von Balint nicht nur inhaltlich von dem ursprünglich von Freud verwendeten Begriff, sondern kann auch therapierelevant angewendet werden.

Auch Reinhart Lempp versucht einen deutlich positiven Zugang zum Phänomen der Regression herzustellen: Er beschreibt Regression als beinahe alltägliches, oft nur kurz andauerndes Verhalten, das den Menschen vor den Zumutungen der Gegenwart und seinen Selbstzweifeln zeitweise schützt und ihm Gelegenheiten des Durchatmens verschafft.[6].

Kritik

Durch Ergebnisse der neueren Säuglingsforschung wird der Begriff der Regression, so wie ihn die Psychoanalyse versteht, zunehmend kritisch gesehen, und als nicht haltbar betrachtet. Die Kritik am Regressionsbegriff geht einher mit der Kritik des psychoanalytischen Entwicklungsmodells.[7][8]

Die Gestalttherapie übte schon früh Kritik am Regressionsbegriff. Fritz Perls geht davon aus, dass ein Patient nicht auf ein früheres Stadium seiner Entwicklung zurückfällt, sondern nur eine andere Seite seiner Persönlichkeit offenbart.[9] Die gegenwärtige Gestalttherapie definiert Regression als „(vorübergehende oder länger andauernde) Einschränkung in der aktuellen Möglichkeit eines Menschen, alle bereits einmal erworbenen Kompetenzen seinem Wunsch entsprechend zu realisieren. Solche Einschränkungen können sowohl früher als auch später erworbene Kompetenzen betreffen.“[10]

siehe auch

Literatur

  • Michael Balint: Angstlust und Regression; Beitrag zur psychologischen Typenlehre. Reinbek 1972. (Original: Thrills and Regression. 1959).
  • Michael Balint: Therapeutische Aspekte der Regression: Die Theorie der Grundstörung. Stuttgart 1970. (Original: The Basic Fault. Therapeutic Aspects of Regression. London 1968).
  • Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1997.
  • Sigmund Freud: Abriss der Psychoanalyse. 1938, ISBN 3-596-10434-3.
  • Rolf Haubl, u.a.: Struktur und Dynamik der Person. Einführung in die Persönlichkeitspsychologie. Westdeutscher Verlag, Opladen 1986.
  • Reinhart Lempp: Das Kind im Menschen; Über Nebenrealitäten und Regression. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-94062-6.
  • Kurt Lewin: Regression, Retrogression und Entwicklung (1941). in: C.-F. Graumann (Hrsg.): Kurt-Lewin-Werkausgabe. Band 6, S. 293–336. Klett-Cotta, Stuttgart 1982.
  • W. Loch: Die Krankheitslehre der Psychoanalyse. Hirzel, Stuttgart 1967.
  • Ruch, Zimbardo: Lehrbuch der Psychologie. Berlin-Heidelberg-New York 1974.
  • F.-M. Staemmler: Zum Verständnis regressiver Prozesse in der Gestalttherapie. in: Gestaltkritik. 1/2000 (GIK).

Einzelnachweise und Quellen

  1. Ruch, Zimbardo: Lehrbuch der Psychologie. Berlin-Heidelberg-New York 1974, S. 368.
  2. Kurt Lewin: Regression, Retrogression und Entwicklung (1941). in: C.-F. Graumann (Hrsg.): Kurt-Lewin-Werkausgabe. Band 6, S. 293–336. Klett-Cotta, Stuttgart, 1982.
  3. Sigmund Freud: Abriss der Psychoanalyse. 1938, ISBN 3-596-10434-3.
  4. AnnaFreud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1997, ISBN 3-596-42001-6.
  5. Michael Balint: Therapeutische Aspekte der Regression: Die Theorie der Grundstörung. Stuttgart 1970.
  6. Reinhart Lempp: Das Kind im Menschen; Über Nebenrealitäten und Regression. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-94062-6.
  7. D. S. Stern: Die Lebenserfahrung des Säuglings. Klett-Cotta, Stuttgart 1992.
  8. H. Petzold (Hrsg.): Psychotherapie und Babyforschung. Band II: Die Kraft liebe-voller Blicke – Säuglingsbeobachtungen revolutionieren die Psychotherapie. Junfermann, Paderborn 1995.
  9. Fritz Perls: Das Ich, der Hunger und die Aggression, 1944/1946. Stuttgart 1978, S. 250f.
  10. F.-M. Staemmler: Zum Verständnis regressiver Prozesse in der Gestalttherapie. in: Gestaltkritik. 1/2000 (GIK).